„Der Landkreis Hersfeld-Rotenburg zeigt, wie Integration gelingt“

Vor gut fünf Jahren hat der Landkreis Hersfeld-Rotenburg eine außergewöhnliche Situation gemeistert: damals erreichten innerhalb weniger Monate rund 2000 Flüchtlinge ihre neue, teils nur vorübergehende Heimat Osthessen. Durch das Engagement zahlloser Hilfs- und Einsatzkräfte wurde die „Flüchtlingskrise“ bewältigt. Jetzt, im Sommer 2020, hat sich die hessische Umweltministerin Priska Hinz, die auch für die Entwicklung des ländlichen Raums zuständig ist, in Bad Hersfeld einen Überblick über die Entwicklung seit dem Sommer 2015 verschafft.

Als „Zuhör-Reise“ bezeichnete Hinz ihre Sommertour durch Hersfeld-Rotenburg. Zugehört hat sie ganz genau: Stefanie Führer, Lena Moritz, Marco Butchereit und Markus Brehm aus dem Fachbereich Arbeit und Migration der Kreisverwaltung erläuterten der Ministerin ausführlich, wie sich die Integration von Geflüchteten im ländlichen Raum konkret gestaltet. Zuvor hatte Landrat Dr. Michael Koch Priska Hinz im Landratsamt begrüßt.

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg leben aktuell knapp 1800 Flüchtlinge, die Sozialleistungen gemäß SGB II und dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen. Circa 1100 davon sind zwischen 15 und 65 Jahre alt und befinden sich damit im erwerbsfähigen Alter. Der stellvertretende Fachbereichsleiter Markus Brehm erklärte: „Diese Personen werden von uns in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft integriert. Das ist das oberste Ziel unserer Arbeit.“ Seit jeher verfolgt der Landkreis eine dezentrale Taktik bei der Unterbringung und Integration Geflüchteter. Hinz war begeistert von der Umsetzung verschiedener Initiativen zur Integration und lobte die gute Zusammenarbeit innerhalb der Kreisverwaltung. Die gesamte Betreuung von Flüchtlingen findet hier unter einem Dach statt, wodurch Kompetenzen gebündelt und Synergien genutzt werden. „Das erleichtert den Prozess für alle Beteiligten, also Behörde und Geflüchtete gleichermaßen“, sagte Stefanie Führer.

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Landrat Dr. Michael Koch (vorne links) begrüßte die hessische Umweltministerin Priska Hinz (vorne rechts) im Beisein der Mitarbeitenden der Kreisverwaltung aus dem FB Arbeit und Migration (hintere Reihe und mittig) sowie den Landtagsabgeordneten aus dem Landkreis.

Die Integrationsstrategie des Landkreises Hersfeld-Rotenburg basiert auf einer ganzheitlichen Betreuung in allen Lebenslagen. Eine Fokussierung auf reine Arbeitsmarktintegration findet nicht statt. Vielmehr wird diese als Element der sozio-kulturellen Integration in die Gesellschaft gesehen. Bereits ab der Zuweisung in den Landkreis werden Flüchtlinge frühzeitig betreut. Die Mitarbeitenden der Kreisverwaltung stellten in diesem Zusammenhang zwei Initiativen zur Integration von Flüchtlingen genauer vor:

Initiative 1: „IdEE“ – Integration durch Eingliederung ins Erwerbsleben

Das Projekt „IdEE“ (Integration durch Eingliederung ins Erwerbsleben) wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie den Europäischen Sozialfonds gefördert. Gemeinsam mit den Landkreisen Fulda und Werra-Meißner sowie dem hessischen Flüchtlingsrat bildet der Landkreis Hersfeld-Rotenburg federführend seit dem 1. Juli 2015 einen Projektverbund mit dem Ziel, die Integration nachhaltig voranzutreiben. „Es geht darum, Hemmnisse zu beseitigen und Ausbildungs- oder Arbeitsplätze sowie schulische Bildungsmaßnahmen zu vermitteln“, erklärte Stefanie Führer. Menschen, die vermittelt werden sollen, erhalten arbeitsmarktbezogene Unterstützung.

Markus Brehm ergänzte: „Auch nach der Vermittlung, während einer Beschäftigung oder Weiterbildung begleiten wir die Flüchtlinge eng.“ Derzeit läuft die zweite Verlängerungs-Periode des Projekts. 2021 wird ein besonderer Fokus auf geflüchtete Frauen gerichtet. 2022 beginnt dann eine neue Förderperiode unter dem Aspekt Nachhaltigkeit. Knapp 2400 Personen haben seit 2015 an Weiterbildungsmaßnahmen teilgenommen, 700 wurden danach erfolgreich in ein Beschäftigungs- oder Ausbildungsverhältnis vermittelt. Neben den großen Arbeitgebern, zum Beispiel aus dem Bereich Logistik, zeigten sich vor allem familiengeführte Klein- und Mittelständler sehr aufgeschlossen gegenüber solchen Integrationsmaßnahmen, vor allem mit Blick auf den Fachkräftemangel, der den Landkreis in Teilen längst erreicht hat.

Initiative 2: „FBI – Flüchtlinge – Beruf und Integration“

Auch das zweite vorgestellte Projekt „FBI – Flüchtlinge – Beruf und Integration“ zielt auf die Integration von Geflüchteten in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt ab. Im Vordergrund stehen hier der Erwerb der deutschen Sprache sowie praxisnahe Einblicke in die Lebens- und Arbeitswelt Deutschlands. In neun Modulen bekommen die Teilnehmenden beigebracht, wie man den Alltag in Deutschland meistert. Die Unterrichtseinheiten befassen sich so zum Beispiel mit Mülltrennung oder dem Öffentlichen Nahverkehrs-System. „Es geht darum, dass die Geflüchteten ihre neue Heimat kennenlernen – mit all ihren Facetten“, sagte Lena Moritz.

Als wichtigsten Baustein in der Integration in die Gesellschaft bezeichneten die anwesenden Mitarbeitenden der Kreisverwaltung Kenntnisse der deutschen Sprache. Markus Brehm sagte: „Von der Ankunft der Flüchtlinge bis zum Beginn des ersten Sprachkurses vergeht oft viel zu viel Zeit. Das Projekt ‚FBI‘ ist deshalb so wichtig, weil hier unbürokratisch und ohne lange Wartezeiten Sprachbarrieren überwunden werden.“ Seit 2016 haben rund 130 Flüchtlinge an der Maßnahme teilgenommen, die aus Landesmitteln finanziert wird.

„Dezentraler Ansatz hat sich bis heute bewährt“

Die im Landkreis Hersfeld-Rotenburg lebenden Flüchtlinge wohnen auf den gesamten Landkreis verteilt. Landrat Dr. Koch sagte: „Unser dezentraler Ansatz hat sich bis heute bewährt und wir freuen uns, dass das so gut klappt. Die Integration gelingt so schneller und einfacher.“ Die Umweltministerin sieht das ähnlich: „Viele Menschen sind nach Hessen gekommen, um Schutz vor Krieg und Gewalt zu finden. Es ist unsere Aufgabe, für diese Menschen eine Perspektive zu schaffen, gemeinsam mit den zahlreichen Engagierten vor Ort, der Zivilgesellschaft und vor allem mit den Kommunen, die die Geflüchteten bei sich aufnehmen. Hersfeld-Rotenburg zeigt, wie Integration gelingt.“