Seniorinnen & Senioren

Grenzgeschichten bleiben rund um das Grüne Band lebendig


Über 60 Gäste aus dem hessischen und thüringischen Grenzgebiet waren gekommen und lauschten den Erzählungen von Zeitzeugen oder berichteten selbst von ihren Erlebnissen am Eisernen Vorhang, dem heutigen Grünen Band. Der Landschaftspflegeverband Hersfeld-Rotenburg (LPV) und der Fachdienst Senioren des Landkreises Hersfeld-Rotenburg blicken zufrieden auf das Erzählcafé „Grenze einst, Grünes Band jetzt – Zeitzeugen erinnern sich an die ehemalige Grenze“ zurück.

Der Saal der Orangerie in Philippsthal bot eine ideale Kulisse, um sich dem Thema zu widmen. Der Erste Kreisbeigeordnete Dirk Noll betonte in seinem Grußwort den Glücksfall der Grenzöffnung: „Ich bin persönlich unmittelbar mit der Grenze aufgewachsen. Als junger Mitarbeiter der Gemeinde Wildeck habe ich das Begrüßungsgeld mitausgegeben. Für uns alle war das eine enorm schnelllebige und intensive Zeit. Es war toll diese Glückseligkeit hautnah miterleben zu können

Den Auftakt des Erzählcafés gestalteten zwei Akteure, die sich zeitgleich während der Phase des Kalten Krieges in Uniform gegenübergestanden hatten: Jürgen Urnau, damals junger Beamter des Bundesgrenzschutzes (BGS), hat vor gut 15 Jahren mit „Freiheit verpflichtet“ ein Buch über den BGS-Standort Bad Hersfeld sowie den Dienst an der Grenze mitten im geteilten Deutschland geschrieben. Auf DDR-Seite, als Mitglied der Grenztruppen, hatte sich Silvio Liebchen befunden, heute Polizist in Thüringen. Er hat sich nach der Grenzöffnung viele Jahre lang sehr kritisch mit der DDR-Grenzpolitik und deren Auswirkungen auseinandergesetzt. Damals dem jeweils anderen unbekannt, haben sich beide vor einigen Jahren kennen und schätzen gelernt.

An diesem Nachmittag wurden sie von Antje Tiedt vom Fachdienst Senioren des Landkreises interviewt. Anhand von Fotos schilderten sie ihren Dienstalltag und wie er dann durch den politischen Umschwung in der DDR auf den Kopf gestellt worden ist. Im Anschluss an das Interview beantworteten sie Fragen der Café-Gäste, zum Beispiel zu ihrer damaligen und heutigen Einstellung.

Emotionale, aber auch lustige Geschichten traten bei der Gesprächsrunde zu Tage

Blick in eine gut besuchte Veranstaltung im Rahmen eines Erzählcafés. Zahlreiche Gäste tauschen sich aus und verfolgen gemeinsam einen Vortrag in einem historischen Veranstaltungsraum.
© Jörg Klingelhöfer / Landschaftspflegeverband Hersfeld-Rotenburg

Geschichten von der schmerzlichen Trennung einer Familie aus dem thüringischen Großensee gleich zu Beginn der Teilung Deutschlands und von den Repressalien durch DDR-Organe fanden tiefe Anteilnahme bei den anderen Gästen. Demgegenüber gab es jedoch auch Anekdoten, die zum Schmunzeln beitrugen. So hatte eine Teilnehmerin aus dem hessischen Philippsthal als Teenagerin ein unfreiwilliges Bad in der Werra erleiden müssen, weil das verbotene Reden mit DDR-Grenzern in der frühen Phase des Eisernen Vorhangs zur Unachtsamkeit verleitet hatte.

Und einem Biologen aus dem thüringischen Vacha war durch viel Überredungskunst und günstige Umstände das Unglaubliche gelungen: von einem DDR-Grenzsoldat bewacht, erhielt er selbst als Zivilist eine Uniform. Anschließend konnte er seltene und gefährdete Vögel vom Kolonnenweg aus im unmittelbaren Grenzgebiet der DDR beobachten – seinerseits durch seinen bewaffneten Begleiter mit Argusaugen „observiert“. Schon damals in den 80ern war ihm – ähnlich wie Vogelkundlern auf der Westseite – aufgefallen, dass sich in dem abgeriegelten Bereich eine besondere Fauna angesiedelt hatte. Entdeckungen, die später bei Treffen west- sowie ostdeutscher Naturschützer die Idee des Grünen Bandes reifen ließ. Dies freilich, ohne im Nachhinein die unmenschliche Grenze, die Deutschland geteilt hatte, zu rechtfertigen.

Philippsthals Bürgermeister Timo Heusner würdigte die finanzielle Unterstützung des Landes Hessen zur Ausrichtung des Erzählcafés und konnte auch etliche Amtskollegen aus dem Thüringischen begrüßen.

Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Werra-Suhl-Tal, Klaus Reinhardt, betonte die Wichtigkeit, Kinder und Jugendliche für das Anliegen des Grünen Bandes zu gewinnen. Er berichtete, dass die Grundschule Dippach seit diesem Jahr den Namen „Grundschule am Grünen Band“ trägt und würdigte dabei die Rolle der Stiftung Naturschutz Thüringen und ihrem Gebietsbetreuer Kevin Töfge. Gedenkkultur und Umweltbildung könnten hier mit einem starken Heimatbezug mit Leben gefüllt werden.

Wiederholung des Formats ist erwünscht

Das Informationsangebot durch den Wildecker Geschichtsverein zum Thema „Geteiltes Deutschland“ rundete den ausgedehnten Nachmittag ab. Zudem hatte Jörg Klingelhöfer, Gebietsmanager für das Grüne Band und beim LPV beschäftigt, die „Wackelkarten“ des LPV mit vier Motiven des Grünen Bandes vor und nach der Grenzöffnung ausgelegt. Diese kamen bei den Gästen ebenfalls gut an. Ein besonderes Dankeschön aller Beteiligten erhielt das ehrenamtliche Team vom Ortsverband des Deutschen Roten Kreuzes Philippsthal, der die Bewirtung der Veranstaltung übernommen hatte. Die Organisatoren sind sich aufgrund der guten Resonanz einig: „Schon bald sollte man die Wiederholung einer solchen Veranstaltung auf den Weg bringen.“

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