Kinder, Jugend & Familie

„Strukturiertes Chaos“ mit ganz viel Herz: Familie Meier gibt fünf Pflegekindern ein Zuhause


Es ist ein sonniger Donnerstagvormittag Ende August in Bad Hersfeld. „Das strukturierte Chaos ist zurück“, sagt der 56-jährige Dirk Meier und seine Frau Sonja, 53, fügt an: „In den Ferien ist das Familienleben immer etwas entspannter, aber jetzt sind wir wieder voll in unserem Alltag drin.“ Familienleben das bedeutet bei den Meiers der Alltag mit ihren fünf Pflegekindern im Alter von acht bis 19 Jahren. Mehr als 18 Jahre ist es mittlerweile her, dass sie ihren ersten Pflegesohn, damals rund ein halbes Jahr alt, bei sich aufgenommen haben. „An dem Tag, als wir ihn damals aufgenommen haben, hat er uns vom ersten Moment angestrahlt“, blickt Sonja Meier zurück: „Ganz nach dem Motto: Mich werdet ihr so schnell nicht mehr los.“

Fünf Pflegekinder komplettieren Familie Meier

In ihren Zwanzigern werden die Meiers zum ersten Mal Eltern ihrer leiblichen Tochter, die heute 29 ist. Nach der Geburt einer weiteren Tochter scheint die Familie komplett. Doch dann ereilt die junge Familie ein schwerer Schicksalsschlag: Ihre zweite leibliche Tochter stirbt im Alter von nur sechs Monaten. Den Meiers ist schnell klar, dass sie weitere Kinder möchten. Nachdem sie anfangs über die Alternative Adoption nachdenken, bekommen sie eher zufällig mit, dass es auch die Option gibt, Pflegekinder aufzunehmen.

„Das Beste, was uns als Jugendamt passieren konnte ist, dass sich Familie Meier damals vor rund 20 Jahren dazu entschieden hat, Pflegefamilie zu werden“, sagt Claudia Leibelt vom Pflegekinderdienst des Landkreises Hersfeld-Rotenburg. Sie kennt und begleitet die Familie jetzt bereits seit sieben Jahren.

Nachdem Sonja und Dirk Meier ihren heute 19-jährigen Pflegesohn aufgenommen haben, folgen noch zwei Jungen und zwei Mädchen, darunter ein leibliches Geschwisterpaar. Die weiteren Pflegekinder sind heute acht, zwölf, 14 und 16 Jahre alt. Das Alter bei der Aufnahme war dabei sehr verschieden: Während eines der Kinder im Alter von nur drei Monaten aufgenommen wurde, war ein anderes bereits zehn Jahre alt. Die Gefühlslage im Moment der jeweiligen Aufnahme beschreiben sie immer gleich: aufgeregt und überglücklich.

Zeit, Liebe, Sicherheit und ein liebevolles Zuhause

Das Umfeld der beiden hat auf die Aufnahme des ersten Pflegekindes positiv reagiert. Natürlich habe es aber auch Skepsis, beispielsweise bei den eigenen Eltern oder auch im Freundeskreis, gegeben. „Wir selbst hatten von Beginn an weder Ängste noch Bedenken. Wir sind vielleicht etwas blauäugig an die Sache rangegangen. Aber eines war für uns von Anfang an klar: Wir behandeln alle unsere Kinder gleich – ob leiblich oder nicht. Alle sechs sind ein wichtiger Teil unserer Familie“, erklärt Dirk Meier.

Kinder, die in Pflegefamilien aufgenommen werden, eint vor allem eins: Sie können vorübergehend oder dauerhaft nicht bei ihren leiblichen Eltern leben. Die Gründe dafür können beispielsweise Krankheit, Überforderung oder belastende Lebenssituationen sein. So ist es auch bei den Kindern der Meiers. „Kinder, die in eine Pflegefamilie kommen tragen alle einen Rucksack mit sich. Man kann vorher nur ahnen, was drin ist und, was zum Vorschein tritt. Die Kinder haben keine einfache Geschichte und das muss jedem bewusst sein, der ein Pflegekind aufnimmt“, erklärt Claudia Leibelt.  

Genau deshalb sagt Sonja Meier: „Ein Kind braucht keine perfekten Eltern, es braucht jemanden, der Zeit, Liebe, Sicherheit und ein liebevolles Zuhause schenkt.“

Kontakt zu Herkunftsfamilien und Austausch mit anderen Pflegefamilien

Auch nach der Aufnahme in eine Pflegefamilie bleibt die Herkunftsfamilie ein wichtiger Teil im Leben eines Kindes. Kontakte werden vom Pflegekinderdienst begleitet. „Unsere Kinder haben sehr guten Kontakt zu ihren Eltern, Geschwistern und Großeltern. Das ist uns auch sehr wichtig“, so Sonja Meier: „Sie wussten auch von Beginn an, dass wir nicht ihre einzigen Eltern sind und, dass es da noch mehr Familie gibt. Damit gehen wir sehr offen um.“

So wichtig, wie der Kontakt zur Herkunftsfamilie für die Kinder ist, so wichtig ist der Austausch mit weiteren Pflegefamilien für die Eltern. „Wir haben ein enges Netzwerk mit anderen Pflegefamilien in der Region. Es sind schon richtige Freundschaften entstanden. Schließlich haben wir alle dieselben Herausforderungen und Themen.“ Auch der Pflegekinderdienst stärkt dieses Netzwerk. Neben Fortbildungen und Gruppensupervision gibt es alle zwei Jahre auch ein Sommerfest.

Auch die Zusammenarbeit mit dem Pflegekinderdienst beschreiben die Meiers als sehr hilfreich: „Pflegefamilie und Behörde ziehen an einem Strang, um den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Das Jugendamt ist in herausfordernden Moment immer für uns da und auch so besteht über regelmäßige Gespräche ein enger Kontakt“, erklärt Dirk Meier.

Für ein Kind die Welt verändern

Zurück in den Alltag, zurück ins „strukturierte Chaos“: Bei den Meiers wird es wieder lebendig. Fünf Pflegekinder, eine erwachsene Tochter und zwei Eltern, die ihren Familienalltag längst nicht mehr anders kennen. Was vor fast 20 Jahren mit einem kleinen Jungen begann, ist heute eine große Familie, in der jedes Kind seinen eigenen Platz gefunden hat.

Dass dieser Weg nicht immer einfach ist, wissen Sonja und Dirk Meier. Doch für sie überwiegt das, was bleibt: gemeinsame Erinnerungen, gewachsene Beziehungen und die Gewissheit, Kindern ein Stück Sicherheit und Geborgenheit gegeben zu haben.

Keine Abteilungen gefunden.


Schlagworte zum Thema

Pflegekinderdienst Informationsveranstaltung


Pressekontakt

Pressesprecherin Jana Feik

+49 6621 87-9103


                                                                                                                             Weitere Pressemitteilungen